Findel-Teddy


„Wobsy, es wird Zeit, dass wir etwas Tanne aus dem Wald besorgen“, sagte die Teddymama an einem schönen Herbstmorgen zu ihm. „Es ist bald Advent und da wollen wir uns doch einen Kranz binden, oder?“
„Einen Kranz?“, wiederholte Wobsy und schaute seine Teddymama ungläubig an.
„Ja, einen Adventskranz“, sagte die Teddymama. „Ein runder Kranz aus Tanne, in dem vier Kerzen stecken. Und an jedem Adventssonntag wird eine Kerze angezündet.“
„Und... und wenn die Letzte brennt, ist Weihnachten?“, fragte Wobsy übermütig und schlug einen Purzelbaum.
„Ja, fast, Wobsy“, sagte die Teddymama, „Heilig Abend ist immer am 24. Dezember.“
Sofort lief Wobsy los, um sich seinen Schal umzubinden und die Mütze auszusetzen. Draußen war es trotz des schönen Herbstwetters empfindlich kalt. Er hängte sich seinen kleinen Rucksack um und schnappte sich einen Apfel. „Kannst Du mir den als Proviant in meinen Rucksack stecken?“, fragte Wobsy seine Teddymama und reichte ihr den Apfel.
„Na, Du hast es aber eilig“, lachte sie und steckte zu dem Apfel noch einen Schokoladenriegel in Wobsys kleinen Rucksack. Der Schokoladenriegel schaute jedoch ein wenig aus dem kleinen Rucksack heraus.
Dann zog sich die Teddymama selbst an und machte sich mit Wobsy auf den Weg in den nahe gelegenen Wald.
„Da bekommen wir Tanne!“, rief Wobsy plötzlich und zeigte auf einige abgeschnittene Zweige. Sofort sprang er vom Arm der Teddymama und lief los. Vor den Tannenzweigen blieb er stehen.
„Hier, hier, komm schon!“, rief Wobsy ganz aufgeregt. Plötzlich hörte er ein leises Brummen hinter sich und spürte, wie jemand an seinem Rucksack zog.
„Heeee!“, protestierte Wobsy und drehte sich mit einem Ruck um. Dabei merkte er, wie der Schokoladenriegel aus dem Rucksack rutschte.
Kaum hatte sich Wobsy umgedreht, schaute er in ein bäriges Gesicht. Die beiden braunen Augenpaare schauten sich an und keiner der Teddys sagte ein Wort.
Wobsy betrachtete den Teddy sehr genau. Sofort fiel ihm auf, dass der Teddy sich aus Blättern Schuhe um die Pfoten gebunden hatte.
„Was ist los, Wobsy?“, hörte er plötzlich seine Teddymama fragen, die neben ihm in die Hocke ging. „Ja wer ist das denn?“, fragte die Teddymama erstaunt, als sie den fremden Teddy sah.
„Ich weiß nicht“, sagte Wobsy leise. „Er saß hier in den Ästen und hat mir am Rucksack gezogen.“
Dabei sahen die Teddymama und Wobsy den kleinen Teddy an, der frierend und zitternd in den Ästen saß und krampfhaft den Schokoladenriegel festhielt.
„Hallo, kleiner Freund“, sagte die Teddymama zu dem zerzausten Teddy. „Wie kommst Du denn hier her?“
Zunächst war nur ein leises Brummen zu hören. Die Teddymama hob den zerzausten Teddy auf ihren Schoß und er begann mit bebender Stimme zu erzählen:
„Bis vor einiger Zeit war ich noch in einem Haus zu Hause und hatte einen Menschen zum Freund. Viele Jahre lang! Als mein Menschenfreund älter wurde, hat man mich einfach in eine große Tonne geworfen. Ich wurde von Kindern gefunden, die mich mitnahmen und wurde von den Erwachsenen als „dreckiger Teddy“ beschimpft. So mussten die Kinder mich wieder loswerden und brachten mich hier in den Wald.“
Die Stimme des Teddy klang traurig und Wobsy konnte eine Träne erkennen, die über seine Wange lief.
„Warum schmeißen Erwachsene so oft Teddys weg?“, fragte Wobsy verständnislos und nahm den Teddy in den Arm. „Den Schokoriegel darfst Du behalten“, sagte Wobsy. Er nahm auch noch den Apfel aus seinem Rucksack heraus und reichte ihn dem Teddy.
Die Teddymama überlegte kurz, dann sagte sie zu Wobsy und dem fremden Teddy:
„Das kommt, weil sich viele Erwachsene nicht mehr trauen, Kind zu sein. Sie werden „vernünftig“ und „ernst“, verlieren dabei ihre kindliche Ader. Und darum tun sie oft alles weg, was kindlich sein könnte.“
Die Teddymama betrachtete den zerzausten Teddy nun genauer und stellte fest, dass unter den Blätterpfoten die Holzwolle blank aus seinem abgewetzten Plüsch schaute.
„Das muss Dir aber sehr wehtun. Wir können Dich nicht hier lassen. Du musst zu einem Teddydoktor.“
Sie setzte den Teddy noch einmal kurz auf das Moos und lehnte ihn vorsichtig an einen Baumstamm.
„Wobsy, pass bitte auf den Teddy auf“, sagte sie und verstaute schnell ein paar Tannenzweige in einem Stoffbeutel.
„So, ihr Zwei, dann wollen wir mal nach Hause gehen!“ Sie hob den zerzausten Teddy hoch und trug ihn heim. Wobsy, der sonst meist getragen wurde, musste heute den ganzen Weg auf seinen kleinen Pfoten tapsen. Ab und an schrie er auf, wenn er auf Tannennadeln oder Disteln getreten war, aber tapfer marschierte er weiter. „Wie weh musste das dem armen zerzausten Teddy tun, wo er kein schützendes Fell an den Pfoten hatte?“ dachte Wobsy und ging weiter.

Zuhause angekommen, setzte die Teddymama ihren Teddypatienten vorsichtig auf die Couch. Sie holte Wobsys Honigglas aus dem Schrank, bat Wobsy auf den Teddy aufzupassen und ihm ein wenig von dem Honig abzugeben. Die Teddymama eilte zum Telefon und rief einen Freund an, der das Kind in sich zum Beruf gemacht hatte. Er bezeichnete sich als „Spielzeugbauer und Teddydoktor“.

Als sie zurück zu den Bären kam, fragte Wobsy ganz aufgeregt: „ Hast Du den Teddydoktor gerufen?“
Der zerzauste Teddy wurde in dem weichen Kissen immer kleiner und mit bebender Stimme sagte er: „Was geschieht jetzt mit mir? Ich habe Angst!“
„Du wirst Dich in den nächsten Tagen hier bei uns erst mal erholen“, sagte die Teddymama und strich ihm sanft über den Teddykopf. Sie schaute Wobsy an und sagte zu ihm: „Wobsy und Du darfst mir helfen, den Teddy zu pflegen.“
„Das mache ich gerne!“ Er setzte sich neben den zerzausten Teddy, nahm ihn vorsichtig in den Arm und sagte: „Und wenn Du Dich gestärkt hast, kommt sicherlich der Teddydoktor und wird Dich wieder ganz gesund machen. Dann kann keiner mehr sagen, Du seiest dreckig. Ich erzähle Dir alles vom Teddydoktor und dann brauchst Du keine Angst mehr vor ihm zu haben.“


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