Die ungewöhnliche Schnitzeljagd
 
In der letzten Schulstunde an Lisas Geburtstag saß das kleine Mädchen ziemlich traurig auf ihrem Stuhl und wünschte sich, dass die Schulstunde besser gar nicht vorübergehen würde.
Vor ihr lag ein einsamer Nachmittag, den sie nur mit Mercy, ihrem treuen Teddybär verbringen sollte. Viel lieber hätte sie ihren Geburtstag mit ihren Freunden und Eltern gefeiert. Ihre Eltern mussten aber arbeiten und Wobsy hatte ihr auch mehrfach deutlich zu verstehen gegeben, dass er an diesem Tag schon etwas vorhätte. Auch die Teddymama hatte sich entschuldigt.
Plötzlich klingelte es zum Schulschluss und Lisa packte betont langsam ihre Schulsachen in den Ranzen.
„Lisa, beeile Dich bitte ein bisschen!“ hörte Lisa ihre Lehrerin neben sich sagen.
„Wenn Du Deine Sachen gepackt hast, kommst Du bitte noch mal zu mir ans Lehrerpult.“
Lisa gehorchte und stand wenige Minuten später am Pult.
„Ja, bitte?“ fragte sie ihre Lehrerin.
„Lisa, Du weißt ja, dass Geburtstagskinder an ihrem Geburtstag keine Hausaufgaben zu machen brauchen. ...“
„Ich habe aber nichts anderes vor und würde sie machen,“ unterbrach Lisa ihre Lehrerin.
„Nein, Lisa, das geht aber heute nicht! Du musst sogar Deinen Ranzen heute hier in der Schule lassen.“
Die Lehrerin nahm Lisas Ranzen und schloss ihn im Klassenschrank ein. Dann nahm sie einen Umschlag vom Pult und überreichte ihn Lisa. „Deine Mutter möchte, dass Du dies hier bitte erledigst.“
Lisa öffnete den Umschlag und fand einen Brief, auf dem nur stand: „Liebe Lisa! Gehe bitte auf den Schulhof zum Klettergerüst.“
„Was soll denn das?“ platzte es aus Lisa heraus.
„Ich weiß es nicht! Aber mache es doch einfach, es wird seine Gründe haben.“ Mit diesen Worten schob Lisas Lehrerin das Mädchen zum Klassenzimmer hinaus.
Lisa ging zum Klettergerüst und im ersten Moment fiel ihr nichts Außergewöhnliches auf. Erst als sie um das Klettergerüst herumgegangen war, entdeckte sie einen zweiten Umschlag mit der Aufschrift: „Für Lisa!“
Lisa nahm den Umschlag und öffnete ihn: „Liebe Lisa! Rufe ganz laut über den Schulhof nach Wobsy und Mercy!“
Lisa kam sich ein bisschen albern vor. Da der Schulhof aber menschenleer war rief sie erst zaghaft und dann doch laut: „MEERRCCCYYY!“ und „WOOOOBBSSSSYYYY!“
Und schon sprangen die beiden Teddys aus dem Gebüsch und brummten im Chor: „Hallo, Lisa! Alles Gute zum Geburtstag!“
Wobsy setzte dann aber eine ernste Mine auf und gab Lisa den nächsten Umschlag: „Lisa, wir sollen mit Dir zur Feuerwache gehen. Ich muss Flo von der Teddymama etwas ausrichten.“
„Nun ich feire meinen Geburtstag ja eh nicht und Hausaufgaben brauche ich auch keine zu machen. Dann lass uns mal zur Feuerwache gehen.“
 
Wenige Minuten später waren die Drei bei der Feuerwache angekommen, aber Flo war nicht da. Stattdessen überreichte Yogi Lisa den nächsten Umschlag: „In der Küche der Feuerwehrwache steht ein Mittagessen für Euch Drei bereit!“
Mit Yogi gingen die Drei in die Küche und futterten Nudelauflauf, ein Lieblingsgericht von Lisa.
Beim Essen plauderten sie und Lisa meinte: „Heute läuft nichts so richtig nach Plan. Wer weiß, was noch kommt?“
„Ich!“ sagte Yogi und wies Lisa an ins Büro zu gehen und von dort aus die Nummer anzurufen, die er ihr auf einem nächsten Zettel reichte.
„Wer ist das?“ fragte Lisa. „Die Nummer kenne ich nicht! Was soll ich denn da sagen?“
„Du sollst nur fragen, ob der Zeitplan eingehalten wird und ob der Einsatz nun erfolgen kann.“
„Ein Feuerwehreinsatz auf Bestellung? So etwas gibt es doch gar nicht!“ Lisa schüttelte den Kopf. Sie bemerkte nicht, wie Mercy und Wobsy tuschelten und kicherten.
Sie ging ins Büro und wählte mit zittrigen Fingern die Nummer. Sofort stellte sie die ihr aufgetragene Frage und wartete auf die Antwort.
„Alles nach Plan! ... Der Einsatz kann wie besprochen erfolgen!“
Lisa schaute nun noch verwirrter aus der Wäsche und gab Yogi die Information weiter.
„Na, dann mal los! Kommt Ihr Drei!“
Yogi führte die Drei in die Turnhalle der Feuerwache, wo ein kind- und teddygerechter Hindernislauf aufgebaut war. Zum Abschluss dieses Hindernislaufes musste Lisa eine Kiste öffnen. Aus der Kiste erhob sich ein großer Luftballon mit dem nächsten Umschlag. Lisa schnappte nach dem Zettel und las laut vor: „Liebe Lisa! Bitte Yogi Euch zum Spielplatz zu fahren und macht Euch auf Umwege gefasst.“
„Dieser Tag besteht nur aus Umwegen!“ lachte Wobsy und er neckte Lisa dann noch: „Ob Du heute Abend endlich Zuhause ankommst?“
Yogi packte die Drei ins Auto und die Fahrt ging los. Sie fuhren nicht sofort zum Spielplatz sondern mussten noch beim Bäcker anhalten, wo Lisa ein Gedicht aufsagen sollte. Beim Friseur sollte sie fragen, was ein Teddyhaarschnitt kostet. Beim Imker sollte sie wie eine Biene summend und fliegend durch den Garten laufen. Überall bekamen sie die jeweils nächste Anweisung und Lisa Glückwünsche und ein kleines Geschenk. Beim Bäcker Honigkuchen, beim Friseur eine neue Haarspange, beim Imker Honigbonbons und schließlich im Schreibwarenladen, wo Lisa einen Zettel in Spiegelschrift entziffern musste einen neuen Füller.
Dann endlich ging es zum Spielplatz. Aber was sollten sie hier. Nirgends war jemand zu sehen und auch kein neuer Umschlag. Yogi ermahnte die Bande, doch mal ganz leise zu sein und zu lauschen. Er selbst müsse nun wieder zur Wache.
Wie versteinert saßen Lisa, Mercy und Wobsy da und lauschten. Plötzlich hörte Lisa Musik.
„Hey, Wobsy, das ist das Lied, dass wir früher immer in der Klasse gesungen haben, wenn ein Kind Geburtstag hatte und es scheint aus Eurem Garten zu kommen. Lass uns hingehen!“
Im Garten der Teddymama hatten sich alle versammelt. Lisas Eltern, die Teddymama, Flo, Yogi und ein paar Klassenkameraden von Lisa stimmten das Geburtstagslied erneut an, als die Drei in den Garten kamen.
Dort feierten sie dann zusammen Lisas Geburtstag.


© 2005 by Andrea Redmann / Jürgen Kraußlach