Teddys Seele erwacht
Teddy war ein kleiner, kuscheliger Bär und fristete sein Dasein in einem großen Regal mit anderen Kuscheltieren in einer Tankstelle. Die Tage seines Daseins waren lang und einsam. Teddy saß einfach nur da, wartete und langweilte sich. Nur selten wurde er aus dem großen Regal genommen und betrachtet, um kurz darauf wieder zurück gestellt zu werden.
An diesem Morgen schien es nicht anders zu sein. Es war ein sehr heißer Sommertag und die scharfen Dämpfe der Zapfsäulen drangen in den Verkaufsraum und reizten Teddys kleine Nase. Eine Hand, die sich durch all die Kuscheltiere zu ihm drang, weckte ihn auf. Plötzlich wurde er in diese Hand genommen und aus dem Regal gehoben. Teddy musste leise kichern, den ein Daumen drückte ganz vorsichtig genau auf sein Teddybäuchlein. Irgendwie fühlte er sich recht behaglich in der Hand, die ihn hielt und er genoss diesen Moment. Würde er gleich wieder auf seinen Platz zurückgesetzt? Doch was war das? Der Mensch, der ihn aus dem Regal gehoben hatte, hielt ihn sanft fest und schien ihn anzulächeln. Vorsichtig nahm er ihn mit und eine Frau entfernte Teddy dieses pieksende Schild, das er schon so lange im Ohr hatte. In dem Moment war es, als fingen Teddys Knopfaugen an zu glänzen.
Der Mensch musste für den kleinen Teddy eine Auslösesumme bezahlen. Die Kassiererin wollte Teddy dann in eine enge Tüte stecken, doch der Mensch protestierte. Nein, er wollte Teddy so mitnehmen, nahm ihn in den Arm und verließ mit ihm diese stinkende Tankstelle. Teddy konnte sein Glück kaum fassen und nur Menschen mit Fantasie konnten die kleinen Tränen sehen, die über sein Gesicht kullerten.
Der Mensch setzte Teddy in seine weiche Jacke und sie verließen diesen unliebsamen Ort. Immer wieder schielte Teddy zu dem Menschen herüber, der ihn ab und zu über das weiche Fell strich. Uiii, wie gut das tat und auch ein bisschen kitzelte. Teddy genoss den Moment und dachte nicht weiter darüber nach, was ihm wohl die Zukunft bringen würde.
„He Kleiner, Dich würde ich am liebsten selbst behalten“, hörte Teddy plötzlich den Menschen sagen und spürte wieder die Hand auf seinem Bäuchlein. Teddy konnte es kaum glauben und zum zweiten mal an diesem Tag kullerte eine Träne aus seinen Augen. Ein Mensch, der mit ihm sprach. Mit ihm, einem kleinem Kuscheltier! Der Mensch erklärte ihm, dass er bei ihm nicht bleiben könne.
Die Reise ging weiter und irgendwann wurde Teddy wieder von dem Menschen ganz behutsam in die Hand genommen: „Jetzt lernst Du gleich Dein neues Zuhause kennen, Teddy! Ich denke, es wird Dir dort gut gehen.“ Ganz sanft nahm er ihn auf und steckte ihn wieder vorsichtig unter seine Jacke.
Er musste dort nicht lange ausharren, dann wurde er hervorgeholt. Ein letztes Mal spürte er die Hand auf seinem Bauch, die ihn aus seinem tristen Dasein befreit hatte. Sein Teddyherz pochte ganz wild und aufgeregt und Teddy bekam nun doch ein bisschen Angst, was denn nun geschehen würde und wieso er auf einmal so viel fühlen konnte: Tränen, Kitzeln, Wärme, Geborgenheit, das Pochen seines Teddyherzens .... Nun nahmen ihn andere Hände auf, die ihn vorsichtig hielten. Nicht weniger zärtlich als bisher. Teddy wurde betrachtet, kicherte, als man erneut sein Büchlein sanft drückte und ihn schließlich heftig knuddelte. Oh, wie gut das tat, nach all der Zeit der Einsamkeit!
Und auch dieser Mensch, oder besser, eine Menschin, sprach mit ihm, als sei er ein Lebewesen. Nachdem sie ihn durch liebevoll an sich gedrückt und begrüßt hatte, wurde Teddy in einen Sessel gesetzt. Vorsichtig schaute Teddy sich um. Hier saßen viele andere Teddys, aber keiner von ihnen sah so seelenlos aus, wie die Kuscheltiere im Regal der Tankstelle. Das beruhigte Teddy sehr. Plötzlich hörte Teddy das Brummen seiner Artgenossen, die ihn freundlich begrüßten und sich ihm vorstellten. Zaghaft fragte Teddy: „Und wer ist diese Menschin?“ Im wilden Durcheinander antworteten die Bären: „Das ist unsere Teddymama! Und wie heißt du?“
Die Teddymama nahm ihren neuen Zögling wieder auf ihren Schoß und fragte den Menschen:
„Wie heißt der Kleine eigentlich?“ Es begann ein kurzes, aber intensives Nachdenken. Knuffel, Bärchie, etc. hörte er die Menschen sagen. Dann sagte der Mensch, der ihn gekauft hatte „Wobsy“.
Es war ein eigenartiger Name, aber dem Teddy gefiel er. Und auch der Teddymama schien er zu gefallen. Von nun an hieß Teddy also Wobsy. Er hatte ein neues Zuhause gefunden und freute sich riesig. Zumal auch seine neue Teddymama oft mit ihm sprach und ihm immer wieder zärtlich das Fell und sein Bäuchlein berührte. Nun war Wobsy nicht mehr irgendein Kuscheltier sondern ein Familienmitglied in einer großen Teddyfamilie.
Der Mensch hatte seine Teddyseele geweckt. Und in seiner neuen Familie würde seine Seele nie wieder sterben.
© 2003 by Andrea Redmann / Jürgen Kraußlach