Der Zuckertütenbaum

Wobsy hatte es sich in seinem Sessel gemütlich gemacht, schleckte eine Pfote Honig und schaute nebenbei gelangweilt Fernsehen.  Plötzlich sprang Wobsy auf und lief zur Teddymama. „Du, Mama, müssen eigentlich alle Kinder in eine Schule?“, wollte Wobsy wissen.

„Aber ja, Wobsy“, antwortete die Teddymama. „Die Kleinen müssen doch für das Leben lernen. Lesen und Schreiben, Rechnen, und vieles mehr.“

„Hmmmmmm“, war von Wobsy zu hören und er vergaß sogar, an seiner honigklebrigen Pfote zu schlecken. „… und warum war ich dann nie in einer Schule?“ Die Teddymama schaute Wobsy einen Augenblick lang überrascht an und konnte sich dann ein Lachen nicht verkneifen. „Weil Du kein Menschenkind bist, sondern ein Teddybärennaseweis. Und kleine Teddybären sind von Natur aus schlau, die müssen nicht in die Schule!“

„Menno, das finde ich gemein“, brummte Wobsy und stampfte mit seiner Teddypfote auf. Dabei hinterließ er einen deutlichen Honigabdruck auf dem Tisch. Noch bevor die Teddymama den Abdruck wegwischen konnte, lag Wobsy auf seinem Teddybauch und schleckte den Honig vom Tisch.

„Was machst Du denn da?“, tadelte die Teddymama mit einem Schmunzeln.

„Nur nix verschwenden“, brummte Wobsy. Er schleckte schnell weiter, ehe die Teddymama den Lappen zum Einsatz bringen konnte. „Also ich finde das dropsdem gemein“, brummte Wobsy erneut. „Alle dürfen in die Schule, nur ich nicht.“

„Wer ist denn Alle?“, wollte die Teddymama wissen und nahm Wobsy auf den Arm.

„Na, na, alle Menschenkinder wie Lisa und so. Außerdem habe ich gehört, dass es auch eine Hasenschule gibt und eine Hundeschule und eine Pferdeschule, und… ach und noch viel mehr Schulen. Für jeden und alles, nur nicht für uns Teddys. Nicht mal in die Feuerwehrschule durfte ich“, brummte Wobsy weiter. „Obwohl.. da musste ich nicht hin, weil ich eh der weltbeste Feuerwehrteddymann bin, den es überhaupt gibt.“

Die Teddymama musste herzhaft lachen und gab Wobsy einen Stupser auf die Nase. „Ja klar Wobsy, wer denn sonst…“

„Aber ich WILL auch in die andere Schule“, motze Wobsy weiter. „Und von Dir bekomme ich dann auch so einen Süßbeutel, ja?“

„Einen was?“, wollte die Teddymama wissen, die nun kein Wort verstand.

„Na so einen Süßbeutel. So ein spitzes Ding, das die Kinder im Arm tragen, wenn sie zur Schule gehen“, erklärte Wobsy und entlockte der Teddymama damit ein herzhaftes Lachen.

„Ach Wobsy, dieser Süßbeutel, wie DU ihn nennst, heißt Zuckertüte. Und da kommen auch nicht nur Süßigkeiten rein, sondern auch Schreibstifte und viele nützliche Dinge, die die Kinder in der Schule brauchen.“

„Aber man kann daraus ja auch eine Honigtüte machen und die jeden Tag benutzen. Schon…schon von wegen dem … äh.. Ringsherumschutz“, brummte Wobsy voller Überzeugung.

„Was bitte schön ist denn nun schon wieder Ringsherumschutz?“, wollte die Teddymama wissen und amüsierte sich insgeheim über Wobsys Wortkreationen.

„Na diesen Welt-um-uns-herum Schutz“, erklärte Wobsy. „Davon reden die doch immer im Fernsehen und so.“

„Ach, Du meinst Umweltschutz, Wobsy“, sagte die Teddymama lachend. „Da hast Du natürlich Recht. Das wäre ein guter Grund dafür.“

„Wo bekommt man denn diese Tüten her?“, wollte Wobsy wissen, als wieder einmal das Telefon klingelte.

„Die wachsen auf Bäumen“, rief die Teddymama grinsend, um diese Diskussion schnell zu beenden. Sie nahm den Telefonhörer ab und machte es sich im Sessel bequem.

„OK, dann mache ich das eben selbst“, brummte Wobsy ein wenig beleidigt. „Wo ich doch der Weltbestezuckertütenbaumpflanzer bin.“ Voller Tatendrang hüpfte Wobsy vom Tisch und machte sich am Küchenschrank zu schaffen. Wenig später flitze er durch das Wohnzimmer in den Garten.

„Wo willst Du denn hin?“, rief ihm die Teddymama hinter her, während sie weiter telefonierte.

„In den Garten!“, rief Wobsy und war schon verschwunden.

Die Teddymama beendete kurz darauf ihr Telefongespräch und legte den Hörer zur Seite. „Ich muss doch erst einmal sehen, was mein kleiner Schelm wieder anstellt“, sagte sie leise zu sich selbst und ging in den Garten hinaus. Dort sah sie Wobsy am Boden knien, wie er mit einer kleinen Schaufel ein Loch in die Erde grub. Interessiert schaute sie Wobsy zu, da er sie noch nicht bemerkt hatte. Die Teddymama sah, wie Wobsy die Schaufel beiseite legte und einen Gefrierbeutel in das Loch stopfte. Anschließend nahm Wobsy ein Tüte Vanillezucker und warf sie ebenfalls in das Loch.

„Darf ich fragen, was Du da machst, Wobsy?“, unterbrach ihn die Teddymama. Wobsy zuckte heftig zusammen und wäre beinahe kopfüber in das Loch geplumpst.

„Mennoooooooooo!“, brummte Wobsy. „Musst Du mich so erschrecken? Beinahe wäre ich da rein geplumpst.“

„Ich hätte Dich schon gerettet“, sagte die Teddymama lachend und kniete sich neben ihren Wobsy. „Also, was wird das hier?“, hakte die Teddymama nach. Als sie sah, was sich da in dem Loch befand, erahnte sie die Antwort schon.

„Na, ich habe hier einen Zuckertütenbaum gepflanzt“, erklärte Wobsy stolz. „.. und wenn alles gut geht und er gut wächst, dann habe ich schon bald eine eigene Zuckertüte. Eine? Ach Quatsch… gaaaaaaaaanz viele Zuckertüten. Sage mal, kann man auch Honigtüten pflanzen?“, brummte Wobsy ganz aufgeregt. Noch ehe die Teddymama etwas sagen konnte, brummte Wobsy weiter. „Und.. und wie lange dauert das, bis ich die ersten Zuckerleckerschlecktüten ernten kann…?“

Die Teddymama nahm ihren Wobsy hoch und musste herzhaft lachen. „Du bist mir schon so ein toller Zuckertütenbaumpflanzer.“

„Sage ich doch“, brummte Wobsy stolz.

„Wer hat Dir denn gesagt, dass Zuckertüten auf Bäumen wachsen?“, fragte die Teddymama.

„Na Duuuuuhuuuuuuuuuu!“, brummte Wobsy und stupste die Teddymama mit der Pfote an. „Duuhuuu! Vorhiiiihiiin! Erinnerst Du Dich?“

Die Teddymama erinnerte sich tatsächlich an ihre Worte und musste sich geschlagen geben. „Ach Wobsy, vielleicht müsste man Dich wirklich mal in die Schule schicken. Am besten wir gründen eine Teddybärenschule. Schüler habe ich hier ja genug“, sinnierte die Teddymama. Sofort hüpfte Wobsy aufgeregt von ihrem Arm.

„Au jaaaaaaaaaa!“, brummte er laut. „Und dann gibt es ganz viel Honigfrei und Teddyferien. Als Hausaufgaben Honigschlecken, Honigglas aufschrauben, Honiglutscher eckig schlecken, und…. Noch viiiiiiel mehr. Das erzähle ich sofort meinen anderen Kumpels hier.“ Wobsy sauste los, bremste aber am Treppenabsatz, schaute keck zu seiner Teddymama hoch und fragte gaaaaannnnnnnz unschuldig: Und, Maaaamaaa? Bekommst Du denn Deine mindestens 500 Teddy- und Plüschtierschüler in eine Klasse? Oh, Mama, das kostet Dich aber ne Stange Honig. Ja, Hoooooonigstangen!“, rief Wobsy aufgeregt und vollführte einen seiner weltbesten, unvergleichlichen Wobsy Purzelbäume, bevor er dann doch die Treppe hinaufsaust.

Lachend ruft die Teddymama ihm hinterher, er solle aber seinen Kumpels auch erzählen, dass das große Stinktier sie dann in Umweltschutz unterrichtet.

 

Text © Andrea Redmann und Jürgen Kraußlach

Bilder © Bianka Behrami

2012